Stellungnahme zum Miegel-Kult in Bad Nenndorf


Sowohl zur Dichterin, als auch zu ihrer geistigen „Nachlassverwalterin“, der Agnes-
Miegel-Gesellschaft e.V., halten wir eine eindeutige Distanznahme für nötig.
Diese werden wir mit unserer Demonstration einfordern.
Unser Anliegen fand bereits am Montag der zurückliegenden Woche in Form des Artikels
„Miegel-Tage: Linke planen Protest“ in den Lokalzeitungen Erwähnung.
Zentrale Aussagen des Textes stellen unserer Meinung nach die Realität auf grob
verzerrte Weise dar. Wir möchten uns daher an dieser Stelle zu jenen problematischen
Passagen äußern.
Zunächst wird behauptet, dass bis heute keine eindeutige Erforschung und Darstellung
von Miegels Beziehung zum NS-Regime erfolgt sei. Dies ist ausdrücklich nicht die von uns
vertretene Position.
Wir sagen deutlich, dass Agnes Miegel sich während dessen Herrschaft positiv auf den
Nationalsozialismus bezogen und sie als prominente Dichterin in propagandistischer
Hinsicht in stützender Weise für das System gearbeitet hat.
Der NS-Staat förderte die Prominenz Miegels, etwa 1936 durch die Verleihung des 1935
durch die Nazis geschaffenen Herder-Preises oder die, durch Empfehlung Goebbels
erfolgte, Verleihung des Goethe-Preises 1940.¹
Ein gängiges Argument in der Diskussion um die Dichterin ist, dass sie unpolitisch
gewesen sei und mithin nicht um die verbrecherischen Taten des NS-Regimes gewusst
habe.
Sie wird auch im 2011 veröffentlichten Buch „Agnes Miegel. Ihr Leben, Denken und
Dichten von der Kaiserzeit bis zur NS-Zeit. Mosaikstücke zu ihrer Persönlichkeit“
aufgegriffen – eine Publikation auf die jüngst gerne verwiesen wird.
Herausgegeben von der Vorsitzenden Dr. Marianne Kopp ist dieses Buch nicht als
unparteiische Beurteilung aus dem literaturwissenschaftlichen Betrieb zu betrachten. Als
eine kritische schon gar nicht, wenn man Kopps Kontakte in die rechte Szene bedenkt.
Doch dazu weiter unten mehr.
Das Buch ist eine deutliche Positionierung für Miegel, ausgehend von der Warte ihrer
Verehrer_innen – dies sah im Übrigen auch der Ardey-Verlag so, der das Buch druckte und
es aus diesem Grund anschließend wieder aus dem Verkehr zog.
Die Verlagsrechte liegen nach einem Rechtsstreit inzwischen ausschließlich bei der
Agnes-Miegel-Gesellschaft.
Aus gutem Grund, wie wir meinen.
Denn Miegels Fürsprache für den Nationalsozialismus ist nicht bloß an „einem einst
geschriebenen Lobgedicht auf Hitler“ festzumachen, wie es der Zeitungsartikel an
entscheidender Stelle behauptet.
Miegel war vielmehr aktives Mitglied in staatlichen – und das heißt zu dieser Zeit
nationalsozialistischen – Institutionen, wie der Preußischen Akademie der Künste und in
diversen Parteiorganisationen und schließlich der NSDAP selbst.
Sie schrieb insgesamt drei Adolf Hitler glorifizierende Gedichte („Dem Führer!“ 1936, „An
den Führer“ 1938, „Dem Schirmer des Volkes“ 1939) sowie zehn weitere, der NSIdeologie
entsprechende Gedichte, die dokumentiert und kommentiert vorliegen.²
Zwar können wir auf diese Gedichte in ihrer Breite nicht im Detail eingehen, möchten
dennoch insbesondere auf ihr Werk „An Deutschlands Jugend“ (1939) hinweisen.
Es handelt sich hierbei schließlich um schlichte Kriegspropaganda, die im Kanon der
völkischen Scharfmacher_innen die „Volksgemeinschaft“ zur Opferbereitschaft im
anlaufenden Weltkrieg aufruft.²
Doch auch darüber hinaus deckt sich Miegels Werk auf Grund ihres Heimatmythos und
ihrer verklärenden Romantik von Natur und Vergangenheit insgesamt gut mit völkischen
Begierden.
Angesichts dessen ist die Feststellung des Artikels, Miegel habe sich zu Lebzeiten nicht
zum Nationalsozialismus geäußert, hinfällig. Während der Dauer der NS-Herrschaft
äußerte sie sich mehrfach eindeutig bejahend zu ihr.
Zweifelsfrei ist auch, dass Miegel nach 1945 einer Distanzierung zum Regime bis zu ihrem
Tode schuldig blieb.4
In diesem Zusammenhang auf Miegels Aussage, „nichts als den Hass zu hassen“ zu
verweisen ist leider reine Makulatur.
Dass sich Agnes Miegel dementsprechend gut als Ikone der rechten Szene eignet
verwundert nicht. Anders als im Artikel behauptet wird Miegel in der gesamten Breite, der
durch zahlreiche Gräben durchzogenen, neofaschistischen und völkischen Bewegung
rezipiert.
Eine Tradition im Übrigen, die bis in die frühen Jahre der Bundesrepublik zurückreicht und
die militärische Niederlage Nazideutschlands gerade auch in rechten Kreisen überdauert
hat.5
Parteiorganisationen wie NPD und DVU haben in der Vergangenheit auf Miegel Bezug
genommen.6 Etliche neonazistische „Freie Kameradschaften“ tun es ihnen – auch in
Niedersachsen – gleich. Sie zitieren Miegel auf ihren Internetpräsenzen oder setzen sich
auf politischer Ebene für ihr Gedenken ein.7
Mit der Ludendorff-Bewegung etwa sei auf eine bundesweit organisierte, völkische und
antisemitischen Sekte als Beispiel jenseits des neonazistischen Spektrums hingewiesen.
Auch sie nimmt in ihren Zeitschriften immer wieder Bezug auf die Dichterin.8
Die Verflechtungen zwischen (Neo-)Nazismus, Agnes Miegel und ihrem Andenken gehen
allerdings über bloße ideologische Gemeinsamkeiten hinaus:
Es bestehen auch direkte Verbindungen zwischen der Agnes-Miegel-Gesellschaft und
neonazistischer Organisationen.
So referierte Marianne Kopp, erste Vorsitzende des Vereins, am 16. Februar 2001 im
ehemaligen Verein „Collegium Humanum“ (CH) in Vlotho a.d. Weser.
Mit ihrem Thema „Ich kam in dieses Land wie in mein Erbe – Agnes Miegel als Dichterin
der Heimat“ eröffnete sie ein dreitägiges Wochenendseminars mit dem Titel „Land der
dunklen Wälder… Ostpreußens Beitrag zur Kultur Europas. Schwerpunkt Agnes Miegel
und Ordensstaat“.9
Das „Collegium Humanum“ war eines der bedeutendsten Schulungszentren der
Neonaziszene. 2008 wurde es vom Bundesminister des Inneren mit der Begründung
verboten, dass es „gegen die verfassungsmäßige Ordnung der Bundesrepublik
Deutschland und (…) durch ihre fortgesetzte Leugnung des Holocaust gegen geltendes
Recht“ verstoße.10
Weiterhin wurde dem Verein eine Wesensverwandtschaft zum Nationalsozialismus
nachgewiesen, dessen Herrschaft er glorifiziere, sowie gleichzeitig die verfassungsmäßige
Ordnung der Bundesrepublik untergrabe.
Ebenfalls Referentin bei jener Veranstaltung war Ursula Haverbeck-Wetzel, Vorsitzende
des Vereins, sowie des ebenfalls verbotenen „Vereins zur Rehabilitierung der wegen
Bestreitens des Holocaust Verfolgten“.
Haverbeck-Wetzel ist seit Jahrzehnten eine wegen ihrer Umtriebigkeit bekannte
Verfechterin des Nationalsozialismus.
Besonders brisant im Kontext Bad Nenndorf: In den letzten Jahren hat sich Frau
Haverbeck-Wetzel durch ihre Unterstützung des „Trauermarsches“ (seit 2012 „Marsch der
Ehre“) in Bad Nenndorf hervorgetan.11 Sie sprach dort auch 2012 vor rund 500 Neonazis,
nachdem ihr 2010 eine Ansprache untersagt worden war.12
Weiterhin aktiv bemüht um das Andenken Miegels ist die Gisela Limmer von Massow. Die
Agnes Miegel Gesellschaft vertreibt eine, unter ihrer Mitwirkung entstandene, Audio-CD.
Sie trägt den Titel „Gisela Limmer von Massow spricht Gedichte und Balladen von Agnes
Miegel“.13
Neben Haverbeck-Wetzel, Horst Mahler und weiteren illustren Gestalten der deutschen
Holocaustleugner_innenszene, gehört auch Gisela Limmer von Massow zu einem Geflecht
aus neonazistischen Initiativen. Sie machte zuletzt durch ihre Verwicklungen in einen
Immobilienkauf in Sachsen Schlagzeilen. Der Verein „Gedächtnisstätte“, der als
potentieller Nachfolgeverein des CH gilt, ist in ihren Privatbesitz umgesiedelt.14
Pressesprecher Felix Imfeld meint hierzu: “Eindeutige Trennlinien zwischen
nationalsozialistischer Ideologie und Botschaften in Miegels Werken lassen sich nicht
ausmachen. Die Beziehung zwischen Miegel und dem NS-System war von
wechselseitiger Unterstützung geprägt. Agnes Miegel war eine Nazidichterin, die den
geistigen Boden für den Zweiten Weltkrieg mit bereitete. Nach dessen Niederlage hat sie
sich überdies nie vom Nationalsozialismus distanziert.
Agnes Miegel stellt auch heute einen Bezugspunkt in der rechten Szene dar. Es gibt
darüber hinaus personelle Verbindungen zwischen neonazistischen Organisationen und
der Agnes-Miegel-Gesellschaft.“
Bad Nenndorf verfügt bis heute über eine Agnes-Miegel-Straße, einen Agnes-Miegel-Platz
und einer entsprechenden Statue mitten im Kurpark. Die Stadt verlängerte 2011 die
Liegezeit Grabes der Dichterin und kommt darüber hinaus für dessen Pflege und Unterhalt
auf. Im Rat wollte man damals gar ihre „Verdienste für Bad Nenndorf gewürdigt wissen“.15
Das Agnes-Miegel-Haus, in Trägerschaft der Miegel-Gesellschaft, erfährt als Teil des
offiziellen Tourismusangebotes in Bad Nenndorf durch offizielle Stellen besondere
Hervorhebung.16
Es in diesem Sinne als „kulturelles Aushängeschild“ zu bezeichnen, wie es etwa der NDR
tut, halten wir daher für durchaus legitim.17
„Eine demokratische Gesellschaft darf derartiges nicht unterstützen. Dass Bad Nenndorf
dies derzeit durch den Erhalt von Straßen- und Platznamen, einer Statue und die
Einbindung der Agnes-Miegel-Gesellschaft in ihr Tourismusprogramm dennoch tut, ist mit
Weltoffenheit nicht vereinbar.“, so Imfeld.
Wir hoffen mit dieser Stellungnahme verdeutlichen zu können, warum es uns als
antifaschistischem Zusammenschluss ein solches Anliegen ist, das Andenken Agnes
Miegel, die bis heute Ehrenbürgerin Bad Nenndorfs ist, wie auch die Veranstaltungen der
Agnes-Miegel-Gesellschaft, nicht unwidersprochen geschehen zu lassen.
Mit freundlichen Grüßen
Felix Imfeld
Pressesprecher
Antifa Infoportal Weser / Deister / Leine
März 2013
Fußnoten
¹ Anhang
1., Hans-Heinrich Holland , Hertener Aktionsbündnis gegen Neofaschismus : Agnes
Miegel – Propagandistin des NS-Regimes , Herten 2001
² ebd.
³ Anhang 2., Antifa [rk] Wunstorf, Antifa Erfstedt, Agnes Miegel. Materialiensammlung,
PDF-Datei, 2010, S. 5
4 Junge Welt, 19. März 2009
5 vgl. Anhang 3., Auszug aus „Nation Europa“, Ausgabe 1, Coburg, 2001
6 http://www.npd-ostfrieslandfriesland.
de/index.php/menue/24/thema/725/id/2465/anzeigemonat/04/anzeigejahr/2011/in
fotext/Verteilaktion_Agnes_Miegel_in_Friedrichsfehn_durchgefuehrt/Aktuelles.html,
eingesehen am 06. März 2013
7 vgl.
http://www.ipetitions.com/petition/agnes-miegel-strasse/,eingesehen 06. März 2013
http://logr.org/nwunna/2011/03/09/132-geburtstag-von-agnes-miegel/, eingesehen 06.
März 2013
http://logr.org/aktionsbuero/2010/11/heldengedenken-2010-in-thuringen/, eingesehen 06.
März 2013
8 Mensch und Maß. Drängende Lebensfragen in neuer Sicht, Ausgabe 1, Pähl, 2002
9 vgl. Anhang 4, Ausschnitt aus Synergon-Forum & 5., Erläuterung des
Verfassungsschutzes zu dieser Zeitschrift
10 http://www.netz-gegen-nazis.de/lexikontext/collegium-humanum, eingesehen am 06.
März 2009
11 http://www.youtube.com/watch?v=I40moAwbTBg&feature=player_embedded,
eingesehen 06. März 2013, in Deutschland nur über Proxyserver zu erreichen
12 http://www.badnenndorf2012.trauermarsch.info/ein-ruckblick-auf-den-marsch-der-ehre-
2012/, eingesehen 06. März 2013
13 http://www.agnes-miegel-gesellschaft.de/texte/index.html, eingesehen 06. März 2012
14 http://npd-blog.info/2009/08/26/ausweichorganisation-fur-holocaustleugner-in-sachsen/,
eingesehen 06. März 2013
15 http://www.sn-online.de/Schaumburg/Nenndorf/Bad-Nenndorf/Knappe-Mehrheit-Miegel-
Grab-bleibt, eingesehen 06. März 2013
16 http://www.badnenndorf.de/Agnes-Miegel-Haus.44.0.html?&L=0, eingesehen 06. März
2013
17 http://www.youtube.com/watch?v=MvRfcj9FhAI, eingesehen 06. März 2013

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