Angriffe auf Obdachlose in Bückeburg

In den vergangenen Wochen kam es zu mehreren Übergriffen auf Bückeburger Wohnungslose. Unbekannte verschafften sich dabei Zutritt zu den Obdachlosenunterkünften nahe des Bahnhofs und schlugen hemmungslos auf ihre Opfer ein.

Mindestens zwei der betroffenen Männer wurden bei den Angriffen erheblich verletzt. Beide berichteten, dass sie im Schlaf von dunkel gekleideten Männern attackiert und brutal zusammengeschlagen worden sind. Einer der Männer verlor dabei zwei Zähne, der andere wurde mit Verdacht auf Jochbeinbruch und zahlreichen Prellungen ins Krankenhaus eingeliefert und musste anschließend operiert werden.

Die Attacken lassen sich problemlos in die nun knapp zweijährige Gewaltkampagne der organisierten Neonazis im Bückeburger Raum einordnen.

Obdachlose Menschen sind seit jeher ein Feindbild von Neonazis. In dem für sie typischen Sozialchauvinismus gelten Wohnungslose in schlimmster NS-Tradition als „Asoziale“, und damit als „unwertes Leben“.
Schon in den 1990er Jahren verübten Neonazis zahlreiche Angriffe auf Obdachlose, die in vielen Fällen sogar tödlich endeten.

So griffen in Bad Breisig im August 1992 zwei Neonazis den Obdachlosen Dieter Klaus Klein an und töteten ihn durch den Einsatz eines Messers, nachdem dieser sich über Lärm beschwerte (1).
Ebenfalls im August 1992 schlugen rechte Skinheads mit einem Baseballschläger auf zwei Wohnungslose ein, nachdem diese sich gegen die rassistischen Beleidigungen der Angreifer positioniert hatten; Günter Schwannecke verstarb an den Folgen seiner schweren Verletzungen (2).
Anfang April 1994 schlugen zwei Angehörige eines rechten Freundeskreises mehrere Obdachlose und jagten sie im Anschluss unter Bedrohung mit einer Gaspistole in einen Fluss und hinderten sie daran, das Gewässer wieder zu verlassen; Eberhart Tennstedt ertrank (3).

Dies sind nur einige Ereignisse, die jedoch exemplarisch für derartige, regelmäßig verübte Gewalttaten in der Bundesrepublik stehen. Die Kette der seit den frühen 1990er Jahren begangenen Übergriffe ist, trotz zurückgehender Berichterstattung, bis heute nicht abgerissen.

Schon in der Vergangenheit gab es bereits direkte Bezüge zur Schaumburger Neonaziszene.
1999 wurde in Eschede (Kreis Celle) der Wohnungslose Peter Deutschmann von zwei Neonazis zu Tode getreten (4). Einer der Täter, Marco Siedbürger, war jahrelang führender Kopf der „Nationalen Offensive Schaumburg“ (NOS) und gilt bis heute als einer der gewaltbereitesten Neonazis Norddeutschlands.

Siedbürger hegte eine enge politische sowie freundschaftliche Beziehung zu dem Mindener Marcus Winter und anderen zugezogenen Nazis. Mit dem Zuzug von teils gewaltbereiten Nazis ist eine Intensivierung der neonazistischen Aktivitäten in und um Bückeburg zu verzeichnen.
Winter, der ebenfalls wegen zahlreicher Gewalt- und Volksverhetzungsdelikte einige Jahre im Gefängnis verbringen musste, gilt noch heute als unumgängliche Instanz in der regionalen Szene.

Ob die Angriffe auf Obdachlose mit der Neonaziszene in Verbindung zu bringen sind, ist bisher nicht geklärt. Die zeitliche Nähe zum Zuzug von einigen gewaltbereiten Neonazis in die Region und der Intensivierung neonazistischer Aktivitäten im Zusammenhang damit ist jedoch zumindest bemerkenswert.

Sollte sich tatsächlich ein rechter Hintergrund der Taten erweisen, würde dies eine gesteigerte Qualität rechter Gewalt in Bückeburg markieren. Die Vermutungen der Polizei, es habe sich lediglich um Streitereien unter Obdachlosen in der „Trinkerszene“ gehandelt, erscheint uns jedenfalls mehr als fragwürdig. Die Polizeibehörden haben sich in den vergangenen Jahren immer wieder nicht in der Lage oder gar gewillt gezeigt die Situation in Bückeburg in den Griff zu bekommen; so waren die Beamt_innen schon des öfteren bemüht, neonazistische Übergriffe als unpolitische „Auseinandersetzungen“ darzustellen. Die Angegriffenen vermuteten zunächst, dass die Attacken aufgrund der Bekleidung von „linken Antifaleuten“ ausgingen. Das Antifa Infoportal Weser / Deister / Leine, kann und muss diese Vermutung hier noch einmal mit aller Deutlichkeit zurückweisen. Als Zusammenschluss organisierter antifaschistischer Gruppen in der Region garantieren wir dafür, dass keine_r unserer Unterstützer_innen je auf die Idee kommen würde derartiges zu tun. Im Gegenteil stehen wir für ein solidarisches und menschliches Miteinander. Grundlegend für unser Selbstverständnis ist die Positionierung gegen Ausgrenzung, Sozialchauvinismus und menschenverachtende Ideologien in jeder Form. Überfälle wie die in Bückeburg sind im größten Maße abstoßend und zu verurteilen.
Wir wünschen den Betroffenen daher eine rasche und umfassende Genesung sowie eine schnelle Aufklärung der Überfälle.

(1) http://antifaahrweiler.blogsport.de/2012/07/10/antifaschistische-gedenkkundgebung-in-bad-breisig/

(2) http://berberinfo.blogsport.de/2012/07/16/pm-gedenkinitiative-fuer-das-obdachlose-opfer-guenter-schwannecke/

(3) http://www.tagesspiegel.de/politik/rechtsextremismus/toedlicher-hass-149-todesopfer-rechter-gewalt-seite-5/1934424-5.html

(4) http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2010-09/neonazis-obdachloser-eschede