Nach brutalem Angriff auf AntifaschistInnen: Prozess vertagt

“Fußball-Elfmeter” ins Gesicht

Der Prozess gegen zwei Neonazis vor dem Amtsgericht in Neustadt am Rübenberge (Region Hannover) wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung ist am Dienstag unterbrochen worden. Marco Siedbürger, eine Führungsfigur der „Nationalen Offensive Schaumburg“, und ein 19-jähriger Kader der „Autonomen Nationalisten“ aus Wunstorf (Region Hannover) sind angeklagt, in der Nacht zum 15. März dieses Jahres zwei Jugendliche zusammengeschlagen zu haben. Beide mutmaßlichen Täter sind in der Vergangenheit durch Gewalttaten in Erscheinung getreten, Siedbürger sitzt zurzeit wegen Körperverletzung in Haft.

Bld

Zahlreiche Zeugen will Siedbürgers Verteidiger, Christoph Hessel, laden. Diese sollen aussagen, dass sein Mandant in der betreffenden Nacht nicht der einzige war, der einen gestreiften Pullover trug. Denn bislang seien lediglich Tatzeugen geladen, die die „Opferseite“ wiedergäben, so der Anwalt. Nun sollen insgesamt 19 Neonazis, die nahe des Tatorts am Bahnhof in Wunstorf einen polizeilichen Platzverweis bekommen hatten, von der Polizei befragt werden. Sie gehörten zu einer Gruppe von rund 30 Rechtsradikalen, die an dem brutalen Übergriff auf die beiden Jugendlichen beteiligt war. Erst nach den Verhören durch die Sicherheitsbehörden soll der Prozess vor dem Amtsgericht fortgesetzt werden.

„Ich bringe dich um“

Laut Zeugenaussagen kamen in der Märznacht die beiden späteren Opfer aus dem Bahnhof und bewegten sich in Richtung eines Jugendzentrums. Doch vor dem Bahnhof, auf dem Zentralen Omnibusbahnhof befand sich eine Horde Neonazis. „Frei, sozial und national“ sollen sie gerufen haben. Sofort gerieten die Jugendlichen ins Visier der großen Gruppe. Mit Schals und Palästinensertüchern vermummt versperrten sie erst der 19-Jährigen den Weg, dann wurde sie geschubst. Ihr Begleiter, der bereits einen Schlag gegen den Kopf erhalten hatte, wollte ihr zur Hilfe eilen, wurde dann jedoch selbst angegriffen und versuchte die Hiebe abzuwehren. Mit mindestens einem Schlag soll der 19-jährige Wunstorfer Neonazi-Führer das weibliche Opfer getroffen haben. Dann traten laut Tatzeugen etwa fünf Neonazis auf die beiden am Boden liegenden Opfer ein.

„Ich mache dich fertig, ich bringe dich um“, soll einer der Neonazis laut Anklage gerufen haben, als die Gruppe auf die Opfer einschlug. Sowohl Siedbürger als auch der Mitangeklagte wollten bislang vor Gericht nicht aussagen.

Zweifelsfrei identifizierten die beiden Angegriffenen Siedbürger als Täter. Mit einem „Fußball-Elfmeter“ verglich ein Opfer den Tritt ins Gesicht. Mehrere Minuten verlas der Richter die Liste der Verletzungen, die die 19-Jährige erlitten hatte. Kurzzeitig hatte sie nach den Attacken das Bewusstsein verloren.

Mit peniblen Nachfragen versuchte Rechtsanwalt Hessel – der Siedbürger bereits seit längerem verteidigt, wodurch mehrere Gerichtsverfahren für den in Eckernförde geborenen Neonazi mit Freispruch endeten – die Glaubwürdigkeit der Augenzeugen zu untergraben.

Haftbefehle wegen Wiederholungs- und Fluchtgefahr

In Handschellen wurde Siedbürger von Polizeibeamten in das Amtsgericht geführt. Zwei Wochen nach dem Angriff in Wunstorf hatte die Staatsanwaltschaft Hannover gegen Siedbürger einen Haftbefehl wegen Wiederholungsgefahr erlassen. Der Neonazi war daraufhin im ostwestfälischen Hille (Kreis Minden-Lübbecke) verhaftet worden. Derzeit sitzt er in der Justizvollzugsanstalt in Hannover eine 14-monatige Gefängnisstrafe wegen einem Angriff in einem Kulturzentrum in Detmold (Kreis Lippe) ab (wir berichteten).

Auch gegen den anderen Angeklagten hatte die Staatsanwaltschaft einen Haftbefehl wegen Fluchtgefahr ausgeschrieben. Unter seiner gemeldeten Adresse war der 19-Jährige, der gute Kontakte zur überregionalen Neonazi-Szene und Strukturen der „Nationalen Sozialisten“ in Niedersachsen unterhält, nicht aufgefunden worden. Der Haftbefehl ist jedoch ausgesetzt, so konnte der „Autonome Nationalist“ in Begleitung von zwei Gesinnungsgenossen aus dem Umfeld der „Autonomen Nationalisten Hannover“ nach der Verhandlung aus dem Gerichtsgebäude marschieren. Eine Rechtsradikale aus Nienburg an der Weser, die den Prozess aus dem Zuschauerbereicht verfolgte, versuchte während der Verhandlungspausen am Dienstag immer wieder mit Siedbürger Kontakt aufzunehmen, was von den Polizisten jedoch unterbunden wurde.

Als 17-Jähriger hatte der heute 28 Jahre alte Siedbürger gemeinsam mit einem Gesinnungsgenossen in Eschede (Kreis Celle) einen Mann so schwer zusammengeschlagen, dass dieser daraufhin qualvoll starb. Dafür war er zu fünf Jahren Jugendstrafe verurteilt worden. Weitere Straftaten folgten nach der Haftentlassung. Auch der 19-jährige Mitangeklagte ist kein unbeschriebenes Blatt. Der Kopf der „Autonomen Nationalisten Wunstorf“ war erst im Februar zu einem dreiwöchigen Jugendarrest verurteilt worden.

Quelle: Indi-Rex