Immer wieder Bad Nenndorf

Gleich mehrere Ereignisse, die vor kurzem in Bad Nenndorf stattfanden, sind eine Erwähnung wert. Zu erst ist da ein Eklat zu nennen, der wieder einmal vom Lokalpolitiker Bernd Reese aussging: Dieser gestattete der Jüdsichen Gemeinde Bad Nenndorf nicht, einen Redebeitrag auf der städtischen Gedenkveranstaltung zum 09. November zu halten. Interessant ist auch, was sich beim bürgerlichen Bündnis „Bad Nenndorf ist bunt“ abspielte und wer bis heute Ehrenbürger der Kurstadt ist.

Das Redeverbot für die Jüdische Gemeinde war nicht der erste grobe Fehltritt des heutigen Samtgemeindebürgermeisters Reese. In einem Interview mit den Schaumburger Nachrichten 2006 äußerte er sich als damaliger Stadtdirektor dahingehend, dass man über die Anbringung einer Gedenktafel am Wincklerbad nachdenken müsste, wenn die Nazi-Szene dadurch mit ihren Aufmärschen in Bad Nenndorf aufhören würde.

Trotzallem wäre es falsch, Reese Sympathien für die Neonazis zu unterstellen. Vielmehr ist sein Verhalten ein typisches Beispiel für die Überforderung der Bad Nenndorfer Politiker_innen mit der Tatsache, dass ihre Stadt zum Wallfahrtsort der rechten Szene geworden ist. Dass erst regelmäßiger Naziaufmärsche nötig sind, damit die noch immer bestehende Ehrenbürgerschaft Adolf Hitlers zum Thema wird, spricht ebenfalls Bände. Genau so, dass bisher ausschließlich von antifaschistischen Gruppen Kritik an der Ehrenbürgerschaft der Nazi-Dichterin Agnes Miegel geübt wurde.

An anderer Stelle gibt es immerhin zaghafte Versuche einzelner Bad Nenndorfer_innen, sich ernsthaft mit der Nazi-Problematik in ihrer Stadt auseinander zu setzen: Das vom DGB initiierte Bündnis „Bad Nenndorf ist bunt“ führt regelmäßig Veranstaltungen in Bad Nenndorf durch, 2006 sogar am Tag des Naziaufmarsches. Nachdem die Polizei in Person des Bas Nenndorfer Polizeichefs Einfluss auf das Bündnis auszuüben begann, war es damit aber vorbei. Wie groß dieser Einfluss geworden ist zeigt sich daran, dass die Polizei es nicht für nötig hält, sich an Absprachen mit anderen Bündnisteilnehmer_innen zu halten, so geschehen am 28.10.2008, als das Bündnis eine Veranstaltung mit dem Titel „Was geschah wirklich im Wincklerbad“ durchführte. In die Veranstaltung schlichen sich vier der Polizei bekannte Neonazis ein. Entgegen der Absprachen setzte die Polizei sie nicht vor die Tür. Nach der Veranstaltung erscheint ein Bericht auf einer der regionalen Nazi-Websites, in dem die Veranstaltung gelobt wurde. Das verwundert wenig, da auf der Veranstaltung Begriffe wie „jüdische Rache“ gefallen waren. Hier ist es wie mit Bernd Reese: Natürlich will auch das Bündnis keine Nazi-Positionen hoffähig machen, aber durch mangelnde Sensibilität passieren grobe Fehler. Statt einen ehemaligen Lokalreporter, hätte man einen studierten Historiker als Referenten gewinnen müssen und der DGB als Schirmherr der Veranstaltung hätte sich inhaltlich besser auf die Diskussion mit dem nicht nur aus Sympathiesant_innen bestehenden Publikum vorbereiten müssen.

Aber es gibt noch Hoffnung für Bad Nenndorf. Am 15.11.2008 war in der Schaumburger Zeitung folgende Überschrift zu lesen: „Aktion gegen Rechtsextremismus: Bürger wollen Bahnhof besetzen“. Offensichtlich entzieht sich das Bündnis langsam dem Einfluss des Bad Nenndorfer Polizeichefs und will sich jetzt das bayrische Wunsiedel zum Vorbild nehmen, wo durch ein Zusammenspiel von bürgerlichen und antifaschistischen Kräften erreicht wurde, dass die alljährlichen Neonazi-Aufmärsche gestoppt wurden. Dass sich Bernd Reese im nächsten Jahr auf die Straße setzt (wie es sein Wunsiedler Amtskollege von der CSU 2004 tat), ist wohl utopisch. Aber die Spaltung in „gute Bürger, die zu Hause bleiben“ und „böse Antifas, die auf die Straße gehen“ scheint für den Widerstand gegen den Naziaufmarsch im nächsten Jahr nicht mehr möglich zu sein.

Weitere Artikel zum Thema:

SZ, 15.11.08: Bündnis: Nicht nur Resolution „aufwärmen“ / Aktion gegen Rechtsextremismus: Bürger wollen Bahnhof besetzen

SZ, 12.11.08: Adolf Hitler bis heute Ehrenbürger? / Protokollseiten im Archiv rausgerissen

redok, 11.11.08: Bad Nenndorf erteilt Juden Redeverbot

SZ, 11.11.08: Marina Jalowaja: Das wollte sie bei Gedenkfeier sagen / Die Rede der Jüdischen Gemeinde