„Ihr heult, wir feiern!“ – Bad Nenndorf 2008

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Antifaschistische Demonstration

Am 02.08.2008 fand in der niedersächsischen Kleinstadt Bad Nenndorf im Landkreis Schaumburg eine Demonstration unter dem Motto “Für ein nazifreies Schaumburg” statt. Daran beteiligten sich rund 300 Menschen. Den Anlass dafür bildete ein bereits im dritten Jahr in Folge stattfindender “Trauermarsch” von Neonazis. Parallel zum Aufmarsch und der Gegendemo verteilten Antifaschist_innen Outing-Flugblätter in der Nachbarschaft von fünf Neonazis aus der Region.

Am Abend vor dem Naziaufmarsch rief das bürgerliche Bündnis „Bad Nenndorf ist bunt“, in dem u.a. auch der Bad Nenndorfer Polizeichef vertreten ist, zu einer Kundgebung in der Kurstadt auf. Diese fand vor dem Kurhaus Wincklerbad statt, welches von 1945 bis 1947 als Internierungslager der britischen Armee für deutsche Offiziere genutzt wurde und daher seit 2006 für massenweise Tränen in den Augen heutiger Neonazis sorgt. Einen ausführlichen Bericht zu den Hintergründen des Wincklerbades und den Naziaufmärsche in Bad Nenndorf liefert ein Indymedia-Artikel aus dem Jahr 2007.

An der bürgerlichen Vorabendkundgebung nahmen realistischen Zählungen zufolge rund 200 Menschen teil. Die lokale Presse rundete die Teilnehmer_innezahl jedoch sehr großzügig auf 350 auf, während sie sich weigerte, Auftaktort und Beginn der antifaschistischen Demonstration des Folgetages zu veröffentlichen. Die Einheit aus Politik, Polizei und Presse, die eine Unterteilung der Nazi-Gegener_innen in „gut“ und „böse“ betreiben will, hält auch im dritten Jahr der Naziaufmärsche noch an. Trotzdem wurden auf der Kundgebung zahlreiche Flugblätter für die Demonstration verteilt. Aktionen von Neonazis, wie bei der antifaschistischen Vorabenddemo im letzten Jahr ((siehe Bericht) blieben aus. Offensichtlich ist sich auch die rechte Szene der „Zahnlosigkeit“ des bürgerlichen Bündnisses bewusst.

Werbung für die antifaschistische Demonstration wurde am Vorabend auch auf dem „Umsonst & Draußen“-Festival in Porta Westfalica/Veltheim (ca. 40km von Bad Nenndorf entfernt) gemacht. Zahlreiche Flyer, Plakate und Ansagen von den Bühnen bewarben den Bus, der interessierte Festivalbesucher am nächsten Tag zu Demo bringen sollte.

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Impression vom Festival

Die Anreise mit dem Bus gestaltete sich relativ problemfrei. Dies dürfte seinen Grund jedoch in dem vorsorglich mitgefahrenen Rechtsanwalt gehabt haben. Die Anreise anderer Antifaschist_innen verzögerte sich durch massive Vorkontrollen seitens der Polizei. Einige wurde das Betreten der Stadt wegen vermeintlicher Vermummungsgegenstände gänzlich untersagt. Der Lautsprecherwagen wurde ebenfalls sehr lange aufgehalten, so dass die Demonstration erst mit einer etwa einstündigen Verspätung gegen 11.00 Uhr beginnen konnte.

Der Verlauf der Demonstration war durchgehend friedlich. Die Stimmung war gut, nicht zu letzt auch wegen der motivierenden Moderation vom Lautsprecherwagen. Das Motto des Fronttransparents „Ihr heult – wir feiern!“ entsprach streckenweise dem Bild der Demo. Die Pausen zwischen den einzelnen Musik- und Redebeiträgen, die laut der Auflagen mindestens 5 Minuten betragen mussten, wurden durch die Lautstärke der Demonstrationsteilnehmer_innen überbrückt.

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Fronttransparent der Demonstration

Ganz still wurde es hingegen, als der Demonstrationszug den Ort der Zwischenkundgebung am Gedenkstein für die im Faschismus ermordeten Jüdinnen und Juden erreichte. Hier hatten sich Mitglieder des Musikprojektes „Lebenslaute“ aufgestellt, die klassische jüdische und gesellschaftskritische Musik zum Besten gaben. Es folgte ein Redebeitrag der „Kulturinitiative Detmold“, in dem u.a. auf die Gewalttätigkeit der Schaumburger Naziszene bzw. deren Kader Marcus Winter (seit dem 14.07.2008 in Haft)und Marco Siedbürger, eingegangen wurde. Im Anschluss zog die Demonstration wieder zurück in Richtung des Bahnhofes.

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Auftritt des Musikprojektes “Lebenslaute” am jüdischen Gedenkstein

Auf der letzen Kreuzung vor dem Bahnhof stoppte die Polizei die Demonstration abrupt. Angeblich könnte die Trennung von den anreisenden Neonazis nicht gewährleistet werden. Da wie in den Vorjahren 1000 Polizist_innen, eine Reiterstaffel und erstmals 4 (!!!) Wasserwerfer im Einsatz waren, erscheint diese Aussage jedoch mehr als fraglich. Trotzdem einigte man sich darauf, mit der Demonstration zurück zum jüdischen Gedenkstein zu ziehen und die dort angemeldete Mahnwache wahrzunehmen, die eigentlich erst nach dem Ende der Demonstration am Bahnhof beginnen sollte.

Dort folgte ein Redebeitrag der Antifa [rk] Wunstorf, der die Polizeigewalt vom letzen Jahr thematisierte (Bericht). Im Anschluss wechselten sich Musik aus dem Lautsprecherwagen und von den noch anwesenden Musikern der „Lebenslaute“ ab, um die Zeit bis zum passieren des Naziaufmarsches zu überbrücken.

Dieser formierte sich nur langsam auf dem Bahnhofsvorplatz. 385 der 400 Neonazis reisten mit dem Zug an. Bei den Kontrollen am Bahnhof zog die Polizei einige verbotene Gegenstände ein. In mehreren Fällen wird wegen Verstößen gegen das Waffengesetzt ermittelt. Gegen 13.00 Uhr zog der Nazimob los. Dass es sich bei den Teilnehmer_innen überwiegend um junge Neonazis im Stil der “autonomen” Nationalisten und Anhänger der rechten Hooligan-Szene handelte, erklärt die für einen „Trauermarsch“ verhältnismäßig aggressive Stimmung. Immer wieder wurde auch versucht, Journalist_innen und Schaulustige am Rande des Aufmarsches zu bedrohen. Zugegen war auch eine Gruppe niederländsicher Neonazis. Diese reisten im Gefolge des Vorsitzenden der „Nederlandse Volks-Unie“, Constnat Kusters, an. In seiner Rede vor dem Wincklerbad verherrlichte Kusters mehrfach den Nationalsozialismus. Zudem befürwortete er unter dem Applaus seiner „Kameraden“ den Abschuss iranischer Atomraketen auf Israel. Die als Redner angekündigten NPD-Mitglieder Udo Pastörs und Andeas Molau erschienen nicht in Bad Nenndorf. Stattdessen traten zwei andere, nicht minder bekannte, Redner auf: Thomas „Steiner“ Wulff und Ralph Tegethoff. Den Ankündigungen entsprechend redete auch noch der Kameradschaftsführer Andreas Biere aus Magdeburg. Als Vertreter für „regionale Kräfte“ sprach Versammlungsleiter Christian Meier aus Nienstädt/Sülbeck (bei Stadthagen), der während der Abwesenheit von Marcus Winter gemeinsam mit Daniel B. aus Ahlen die Organisierung der lokalen Nazistrukturen übernimmt. B. fungierte am 02.08. jedoch „nur“ als Ordner, ebenso wie Marco Siedbürger. Weitere Ordner waren Dennis Bührig von der Kameradschaft 73 aus Celle und der neue Vorsitzende der NPD Hannover, Marc-Oliver Matuszewski. Den Lautsprecherwagen stellte – wie bei Aufmärschen in Norddeutschland inzwischen allgemein üblich – die Verdener Trümmertruppe um Matthias „Winnie Pooh“ Schultz. Überraschend war die Teilnahme von Friedrich-Werner Graf von der Schulenburg aus Hameln (Informationen zur Person), der sich erstmals seit der Wahlschlappe der NPD bei der niedersächsischen Landtagswahl im Januar wieder auf einer öffentlichen Naziveranstaltung zeigte. Am Wincklerbad konnte das Bündnis „Bad Nenndorf ist bunt“ wie schon im vergangenen Jahr ein Transparent mit der Aufschrift „Gedenken? !!!Geht denken!!!“ anbringen.

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Polizeistaat in Bad Nenndorf

Parallel zu den Aktionen in Bad Nenndorf wurden Flugblätter in der Nachbarschaft von fünf regionalen Neonazis verteilt. Dabei handelte es sich zum einen um zwei Mitglieder der „Nationalen Sozialisten OWL/SHG“ (ehemals NOS), nämlich um den oben erwähnten Christian Meier aus Nienstädt/Sülbeck und um Christoph Huxhold aus Obernkrichen/Krainhagen, der ein langjähriger Anhänger der Neonazi-Szene ist und an unzähligen Aufmärschen teilgenommen hat. Desweiteren wurde Simon Dammann aus Kreuzriehe (bei Bad Nenndorf) geoutet, der sich für die in der Tradition der verbotenen „Wiking-Jugend“ stehende „Heimattreue Deutsche Jugend“ (HDJ) engagiert und an mehreren Zeltlagern der Organisation teil nahm (Fotos von seiner Teilnahme sind bei recherche nord dokumentiert). Darüber hinaus wurde Mirko Briese aus Messenkamp (bei Lauenau) berücksichtigt, der trotz seiner Teilnahme an mehreren Naziaufmärschen noch immer Jugendwart bei der örtlichen Feuerwehr ist. Ebenfalls geoutet wurde Kai Bergemann aus Barsinghausen/Wichtringhausen, der seit mehreren Jahren als Nazischläger in der Region Hannover auf sich aufmerksam macht, zu letzt in der Auseinandersetzung um die Präsenz von Neonazis in der Innenstadt von Hannover (Infos).

Die Mahnwache in Bad Nenndorf wurde aufrecht erhalten, bis die Neonazis Bad Nenndorf geschlossen verließen. Zuvor wurde ihre „Schweigeminute“ am Wincklerbad von der lauten Musik der nicht weit entfernten Mahnwache beschallt. Auch als der Naziaufmarsch auf dem Rückweg zum Bahnhof hinter einem massiven Polizeiaufgebot in ca. 300m Entfernung an der Mahnwache vorbei zog, wurde den Neonazis noch einmal lautstark verdeutlich, dass es auf Seiten der Antifaschist_innen keinen Grund zum Trauern gab.

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Antifaschist_innen an der Absperrung zur Naziroute

Gegen 17.00 Uhr war alles vorbei und auch die Polizei-“Armee“ verließ Bad Nenndorf langsam wieder.

Ein Fazit des Tages lässt sich nicht schnell ziehen. Zunächst einmal ist es natürlich bedenklich, dass sich erstmals mehr Neonazis als Neonazi-Gegener_innen in Bad Nenndorf versammelt haben. Wenn man die Art der Mobilisierungen betrachtet, ist dies jedoch nicht überraschend. Die Neonazis haben ein Jahr lang bundesweit für ihren Aufmarsch geworben. So kamen die Teilnehmer_innen bis auf eine handvoll Schaumburger Neonazis auch aus vielen Teilen der BRD (insbesondere dem Ruhrgebiet) und dem europäischen Ausland. Die Mobilisierung zur Gegendemonstration erfolgte hingegen nur im regionalen Rahmen. Verglichen mit der Demo gegen den „Agnes-Miege-Kult“ am 01.03.2008 in Bad Nenndorf , zu der sich nach ebenfalls regionaler Mobilisierung 150 Demonstrant_innen einfanden (Bericht), ist die Teilnehmer_innenzahl vom 02.08. nicht schlecht. Dabei wurde das regionale Potenzial am 02.08. noch nicht einmal voll ausgeschöpft, da sich beispielsweise keine der Antifagruppen aus Hannover (als nächstgelegene Großstadt) zu einer offiziellen Unterstützung der Demonstration durchringen konnte. Außerdem muss bedacht werden, dass der „bürgerliche“ Protest, wie es ihn bei vielen anderen Naziaufmärschen gibt, in Bad Nenndorf bis auf ein paar erfreuliche Ausnahmen, nur am Vorabend stattgefunden hat.

Aus Sicht des Antifa Infoportal/Weser/Deister/Leine gibt es zahlreiche positive Aspekte um den 02.08.2008: Zum einen wurde mit den parallel stattfindenden Outingaktionen verdeutlicht, dass Widerstand gegen Naziaufmärsche auf vielfältige Weise möglich ist und sich nicht nur am selben Ort abspielen muss. Der Bus vom „Umsonst & Draußen“ in Veltheim hat eine Verbindung zwischen Kultur und Politik hergestellt und so den antifaschistischen Charakter des Festivals unterstrichen. Der völlig friedliche Verlauf der Demonstration in Bad Nenndorf und die Einbeziehung des Musikprojektes „Lebenslaute“ hat dazu beigetragen, Barrieren zwischen „bürgerlichem“ und antifaschistischen Protest abzubauen und lässt auf eine größere Breite des Protestes in Zukunft hoffen. Durch die erneute Steigerung der Teilnehmer_innenzahl auf Seiten der Neonazis sollte die Bedeutung Bad Nenndorfs als neofaschistischer Wallfahrtsort nun auch in Antifa-Kreisen endgültig bekannt sein und das Interesse, sich zukünftig am Protest in Bad Nenndorf zu beteiligen, gestiegen sein. Zu gemeinsamen Gegenaktionen am Tag des Naziaufmarsches im nächsten Jahr ruft nun auch der Deutsche Gewerkschaftsbund in einer Pressemitteilung auf. Perspektivisch scheint also wieder ein breitere Widerstand gegen Naziaufmärsche in Bad Nenndorf möglich zu sein. Wer unsere Ankündigungen vor der Demonstration am 02.08.2008 verfolgt hat, weiss, dass die Schaffung dieser Perspektive eines unserer erklärten Ziele war.

…:::Weitere Information zum 02.08.2008 in Bad Nenndorf:::…

Lesenswert sind zwei Artikel von redok, geschrieben am 03.08.2008 und am 06.08.2008.

Auch ein Artikel von Andrea Röpke bei Blick nach rechts behandelt ausführlich den Naziaufmarsch am 02.08.2008 in Bad Nenndorf

Unter dem Titel “Nationalsozialismus reloaded” hat recherche nord eine Bilderserie des Naziaufmarsches veröffentlicht.

Einen Pressespiegel liefert die linke Datenbank Hiergeblieben.